Michel Houellebecq: Elementarteilchen

»Alles bricht unweigerlich zusammen«

Dass Michel Houellebecqs Roman Elementarteilchen zum Zeitpunkt seines Erscheinens zum Gegenstand einer angeregten Feuilletonkontroverse avancierte, überrascht mich kaum: Auch ich bin nach der Lektüre nicht ganz einig mit mir selbst. Im Grunde ist das Buch ungeheuer gut, und ich bin mir sicher, dass ich es, je weiter die Leseerfahrung zurückliegt, umso positiver in Erinnerung behalten werde. Und dennoch ist es in vielerlei Hinsicht ein abscheuliches Buch.

Michel Houellebecq - ElementarteilchenIn Elementarteilchen erzählt der französische Autor, dem kürzlich der Prix Goncourt für sein neuestes Werk Karte und Gebiet verliehen wurde, von zwei Brüdern, zwei Antihelden, die das Leben verachten und mehr noch die Tatsache, dass sie selbst Teil dieses Lebens sind. Ihrem Verhältnis zu sich selbst, zu anderen Menschen, zur Gesellschaft wohnt etwas Krankhaftes inne: Bei dem einen ist es die Unfähigkeit zu jeglicher Art von Gefühl, das stumpfe Zurkenntnisnehmen der Umwelt, deren Existenz nichts in ihm regt; bei dem anderen ist es die Reduktion des Lebens und der Beziehungen auf die rein körperliche Befriedung, ein unstillbarer sexueller Drang, dem jedoch die Unzulänglichkeit des eigenen Körpers im Wege steht.

Michel und Bruno sind Halbbrüder, beide in der zweiten Hälfte der 50er Jahre geboren, doch erst als Jugendliche erfahren sie voneinander – da ist schon Einiges kaputt in ihnen. Die Mutter der beiden, Janine, ist nicht willens, für ihre Söhne zu sorgen, ihr Leben ist ein fortdauernder Selbstfindungsprozess, der vor allem in der Ausübung der sexuellen Freiheit besteht. Ihr Ehemann, ein erfolgreicher Schönheitschirurg, und sie beschließen, Bruno kurz nach dessen Geburt zu den Großeltern mütterlicherseits zu geben, und lassen sich wenig später scheiden, als Janine erneut schwanger ist, von einem anderen Mann. Dieser kehrt eines Tages nicht mehr von einer Reportagereise aus China zurück, und weil Janine ihr Glück in Kalifornien sucht, wächst Michel bei der Mutter seines verschollenen Vaters auf.

Nach dem Tod der Großeltern kommt Bruno auf ein Internat, wo er jahrelang von älteren Mitschülern auf grausame Art gepeinigt wird. Am Wochenende nimmt ihn sein Vater zu sich, schweigend nehmen sie die aufgewärmten Fertigmahlzeiten zu sich (oder sind es Jahre später Bruno und sein Sohn?). Seit seiner Jugend ist Bruno erfüllt von einer Gier nach dem weiblichen Geschlecht, nach einer Nähe, die sich allein körperlich definiert und jede geistige Form von Erfüllung für nichtig erklärt. Im Bus onaniert er unter dem aufgeklappten Schulhefter, vor ihm Mädchen mit leicht geöffneten Beinen, unter deren Rock ihr Schlüpfer sichtbar ist. Später wird er Lehrer und kann sich dem Reiz seiner minderjährigen Schülerinnen nicht entziehen, onaniert hinter seinem Pult und einmal, nach Unterrichtsschluss, sogar vor den Augen eines der Mädchen. Seine Ehe geht zugrunde, sie war ohnehin eine Farce, ein kläglicher Versuch, das verlogene Streben der Gesellschaft nach Monogamie und Familienglück nachzuahmen.

Brunos von Geilheit bestimmten Verhältnis zu den Frauen wird Michels emotionale Teilnahmslosigkeit entgegensetzt. Im Vergleich zu Bruno hat Michel eine nahezu behütete Kindheit und Jugend im Hause seiner Großmutter; zu seiner Mutter besteht keinerlei Kontakt. Michel ist introvertiert, bleibt auf Distanz zu seiner Umwelt, auf Distanz zum Leben. Die einzige Person – neben seiner Großmutter –, die teil an seinem Dasein hat, ist die außergewöhnlich schöne Annabelle. Eine zarte Freundschaft entwickelt sich, sie verbringen ihre gesamte Schulzeit miteinander, doch vergebens wartet Annabelle auf eine intime Geste – einen Kuss, eine Berührung – von Michel. Während andere Männer sie als eine Trophäe erachten, ist Michel frei von jeder Begierde; im letzten gemeinsamen Sommer dann stürzt sie sich in eine Affäre, der Schwangerschaft und Abtreibung folgen.

Erst zwanzig Jahre später begegnen sie sich erneut: Annabelle hat viel gelitten; Michel ist ein renommierter Molekularbiologe und Leiter eines Forschungsinstitut, sein Leben verläuft weder glücklich noch besonders unglücklich. Für kurze Zeit sind sie Teil einer Geschichte von Zweisamkeit: Es ist nicht Liebe, sondern vielmehr ein Sichaneinanderfesthalten zweier Menschen, die abgestoßen sind vom menschlichen Dasein.

Inmitten des Selbstmords der westlichen Welt war es klar, daß sie keine Chance hatten. Dennoch trafen sie sich weiterhin ein- oder zweimal in der Woche. Annabelle ging zu einem Gynäkologen und begann wieder, die Pille zu nehmen. Michel gelang es, sie zu penetrieren, aber am liebsten war es ihm, wenn er einfach neben ihr schlief und ihr lebendiges Fleisch spürte. […]

Er empfand Mitgefühl für sie und für die großen Liebesreserven, die, wie er spürte, in ihr bebten und die das Leben verdorben hatte; er empfand Mitgefühl, und das war vielleicht die einzige menschliche Empfindung, die sein Herz noch rühren konnte. Ansonsten war sein Körper von einer eisigen Zurückhaltung erfüllt; er konnte wirklich nicht mehr lieben.

Als sie wieder in Paris waren, erlebten sie ein paar frohe Momente, wie man sie aus der Parfümwerbung kennt (gemeinsam die Treppen von Montmartre hinablaufen; oder eng umschlungen auf dem Pont des Arts stehen bleiben, der plötzlich von den Scheinwerfern der Seinedampfer erleuchtet wird, während die Schiffe wenden). Sie erlebten auch die kleinen Meinungsverschiedenheiten am Sonntagnachmittag, die Augenblicke der Stille, in denen sich die Körper unter den Bettlaken zusammenrollt, die Zeiträume der Stille und Langeweile, in denen sich das Leben auflöst. Annabelles Appartement war düster, ab vier Uhr mußten sie das Licht einschalten. Sie waren manchmal traurig, aber vor allem waren sie ernst. Sie wußten beide, daß sie zum letzten Mal in ihrem Leben eine richtige menschliche Beziehung hatten, und dieses Gefühl verlieh jeder Minute, die sie zusammen verbrachten, etwas Herzzerreißendes. Sie achteten sich gegenseitig sehr und empfanden tiefes Mitleid mit dem anderen. Dennoch erlebten sie an manchen Tagen, an denen sie die Gnade eines unvorhergesehenen Zaubers erfuhren, erfrischende, sonnige Momente; doch meistens spürten sie einen grauen Schatten, der sich über sie und die Erde breitete, die sie trug, und in allem sahen sie das Ende nahen.

Etwa zur selben Zeit erfährt Bruno zum ersten Mal in seinem Leben Erfüllung: In einem Ferienort, der das Ideal der individuellen Freiheit propagiert, lernt er Christiane kennen, eine Frau, die dasselbe maßlose Verlangen nach körperlicher Befriedigung, aber auch dieselbe Resignation gegenüber dem Leben verspürt wie er. Hinreißende Passagen wie die folgende, ebenso wie die vorangegangene, machen das Buch so großartig:

Acht Tage nach ihrer Ankunft sagte er eines Nachmittags zu Christiane: »Ich glaube, ich bin glücklich.« Sie blieb ganz plötzlich stehen und stieß einen tiefen Atemzug aus, während ihre Hand den Eisbehälter umklammerte. Er fuhr fort: »Ich habe Lust, mit dir zusammenzuleben. Ich habe das Gefühl, daß wir lange genug unglücklich gewesen sind, das reicht allmählich. Später wird man dann krank, siecht dahin, und schließlich stirbt man. Aber ich glaube, daß wird gemeinsam bis zum Ende glücklich sein könnten. Auf jeden Fall habe ich Lust, es zu versuchen. Ich glaube, ich liebe dich.«

Diese Misanthropie der Protagonisten, diese Weltverdrossenheit ist ein wunderbares literarisches Motiv, das ich derart bis zum Äußersten getrieben zuletzt in Sibylle Bergs Der Mann schläft vorfand. Die Geschichte, die hier erzählt wird, birgt eine tiefe Traurigkeit und zugleich einen brillanten Sarkasmus; der Rahmen, in den sie eingebettet ist – die Konsequenzen von Michels halb wissenschaftlichen, halb philosophischen Überlegungen zur Unzulänglichkeit des Individuums –, ist ebenso klug wie überraschend.

Und doch: Zu oft stößt der Leser auf Unverdauliches, inhaltlich sowie formal. Elementarteilchen ist vor allem eins: fürchterlich obszön. Onanieren dürfte die wohl am häufigsten geschilderte Tätigkeit in diesem Roman sein; Brunos Leben wird als eine einzige Aneinanderreihung von sexuellen Befriedigungen und mehr noch Niederlagen dargestellt: Es genügt nicht, dass der Leser dieses erbärmliche Dasein erahnt; der Autor muss es ihm in jedem Kapitel wieder vor Augen führen, muss seinen Protagonisten immer wieder das zu kleine, vor Steifheit schmerzende Glied in die Hand nehmen lassen. Noch überflüssiger scheinen die exzessiven Gewaltszenen im zweiten Teil des Buches, die zur Geschichte der beiden Brüder keinen unmittelbaren Bezug haben: Sicher soll hier ein weiterer Aspekt der Verderbtheit der westlichen Gesellschaft aufgezeigt werden, aber muss es denn in allen Einzelheiten geschehen?

Auch sprachlich überzeugt das Werk vielerorts nicht. Gerade die Dialoge sind häufig hölzern und unglaubwürdig. Mal nehmen sie die Form von Monologen an, um die Funktion von Rückblenden zu erfüllen, wirken derartig wie zweckentfremdete Behälter (denn Gespräche finden selten statt) für Geschichten, die der Autor nicht anders zu erzählen weiß. An anderen Stellen hingegen scheint ihr Sinn einzig darin zu bestehen, dem Leser das Wenige an Sympathie zu nehmen, das er für die Charaktere aufbringen kann – wie in der Szene jenes Tages, an dem sich Michel und Annabelle zum ersten Mal nach langer Zeit wiedersehen: »Als die Bettcouch ausgezogen war, nahm sie fast den ganzen freien Raum ein. ›Es ist das erste Mal, daß ich sie benutze‹, sagte sie. Sie legten sich nebeneinander und umarmten sich. ›Ich nehme schon seit langem keine Verhütungsmittel mehr und habe keine Kondome im Haus. Hast du welche dabei?‹ ›Nein…‹ Er lächelte bei diesem Gedanken. ›Möchtest du, daß ich ihn in den Mund nehme?‹ Er dachte einen Augenblick nach und sagte schließlich: ›Ja.‹«.

Das generelle Problem liegt möglicherweise in dem unbedingten Fatalismus des Buches, der keine noch so unscheinbare Schönheit oder gar ein Gefühl von Hoffnung zulassen will. »Alles bricht unweigerlich zusammen«, sagt Bruno an einer Stelle. Es ist nur konsequent, wenn Houellebecq die zwei Frauen, Annabelle und Christiane, nach nur kurzer Zeit sterben lässt und so die Protagonisten in ihrem Weltekel abermals bestätigt. Und überhaupt: So wie die Geschichte konstruiert wird, scheint es, als sei das verquere Verhältnis der beiden Brüder zu Frauen auf einen einzigen Faktor zurückzuführen: den Verrat der Mutter, die sie im Stich ließ, um sich selbst zu verwirklichen. Eine allzu simple Kausalkette. Vieles ist unstimmig in diesem Roman. Doch die Geschichte, die er erzählt, ist faszinierend trostlos und zynisch. Selten fiel es mir so schwer, zwischen gut und schlecht zu entscheiden, wie bei Elementarteilchen.

Michel Houellebecq: Elementarteilchen. Aus dem Französischen von Uli Wittmann. List, Berlin 2006, 356 Seiten.

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10 Kommentare zu „Michel Houellebecq: Elementarteilchen

  1. Ich habe noch gar nichts von diesem hoch gelobten französischen Autor gelesen. Warum? Es war nur eine Ahnung, die mich abhielt. Jetzt lese ich deine ausführliche Rezension und treffe dort auf Dinge, die ich vermutet habe. Du sprichst von fehlender Schönheit und einer Hoffnungslosigkeit. Derb wäre vielleicht auch ein gutes Wort? Jedenfalls ist es wichtig, dass es solche Werke gibt und Menschen, die wie du sie lesen. Warum? Damit ich als Nichtleserin dieses Autors eine gute, fundierte Bestätigung bekomme, auch wissend, dass das Lesen immer subjektiv empfunden wird. Und natürlich auch deshalb, damit du diese außergewöhnliche Leseerfahrung sammeln konntest.

    Liebe Grüße
    Klappentexterin

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    1. Ja, deine Ahnung, die dich vom Lesen abhielt, war – wie du an meiner Rezension gesehen hast – keinesfalls verkehrt. Und auch ich stehe nun wieder vor demselben Dilemma: das neue Buch von Houellebecq lesen, weil es alle loben – und zwar um ein Vielfaches einstimmiger, als es bei „Elementarteilchen“ der Fall war? Oder es hierbei belassen, denn aussergwoehnlich war die Leseerfahrung, ja, und doch hinterliess sie eben auch einen seltsamen Beigeschmack. Und das ueberraschenderweise nicht wegen der so deprimierenden Geschichte (derb ist genau richtig!), sondern wegen des enttaeuschenden Stils, der Banalitaet der Sprache. Hieran wird sich ja sicher kaum etwas veraendert haben.

      Jedenfalls freut es mich, wenn dir meine Besprechung hilfreich war, auch wenn sie etwas sehr ausufernd ist.

      Lieben Gruss

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      1. Ich kann mich auch noch vage an die Diskussionen um Houellebecq erinnern, als der Roman erschien. Heute geht es mir manchmal so, dass ich Debatten um Bestseller verfolge, dann aber das Bedürfnis sie zu lesen, vorübergehend verliere, selbst wenn sie mich interessieren. Damals, schätze ich, hatte ich ganz einfach keine Lust das Buch zu lesen.
        Deine umfassende Rezension finde ich nicht zu ausufernd, sondern hervorragend geschrieben. Du bringst das ambivalente Gefühl, das Du nach dem Lesen hattest, sehr gut zum Ausdruck.Danke!

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      2. Ja, eine solche mediale Aufmerksamkeit kann schon in einigen Fällen abschreckend wirken – man gewinnt (häufig womöglich fälschlicherweise) den Eindruck, es handele sich um ein allzu kommerzielles Unterhaltungsprodukt.
        Andererseits ist Medienpräsenz an und für sich kein Zeichen für fehlende Qualität. Wenn sie gut sind (im Sinne von fundiert, ganz gleich ob positiv oder negativ), helfen Rezensionen dem Leser ja auch dabei, Werke für sich zu entdecken, die man vielleicht aus irgendeinem Grund – uninteressanter Titel, Klappentext, Umschlag – ignoriert hätte.

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  2. Es geht mir dabei weniger um Kommerz oder fehlende Qualität. Letztendlich hängt es davon ab, wie man selbst Medien konsumiert. Bei polarisierenden oder hitzigen Debatten ist, natürlich abhängig vom Thema, auch mal ein Sättigungspunkt erreicht, wo ich das Gefühl habe, es wäre alles gesagt. Es ist dann schon schwerer, unvoreingenommen und ohne große Erwartungshaltung, egal in welche Richtung, an etwas heranzugehen. Natürlich bilde ich mir am liebsten eine eigene Meinung, aber das kann bei Büchern schon mal eine Weile dauern.

    Ich kenne das bei Filmen und Büchern übrigens sehr gut, dass ich mich auch mal durchkämpfen muss, am Ende gar froh bin und dann merke, wie Film oder Buch mich noch Tage später beschäftigen.

    Ich lese sehr gerne Rezensionen und wähle auch danach Bücher aus. Sobald es aber ans Eingemachte geht, z.B. interpretiert wird oder sich tiefer mit einzelnen Aspekten auseinandergesetzt wird, warte ich damit, bis ich das Buch selbst gelesen habe, oder aber verfolge es interessiert und warte mit dem Lesen noch eine Weile. Ich will das nicht pauschalisieren und vielleicht klingt das ein wenig paranoid, aber ich lasse mich ganz gerne überraschen.

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    1. Entschuldige, ich habe dich wohl etwas missverstanden, als ich vermutete, Medienhype würde für dich Kommerz / fehlende Qualität bedeuten.
      Dass du Mediendebatten folgst, dann jedoch Abstand nimmst zu ihrem Gegenstand, um dir aus einer gewissen zeitlichen Distanz selbst ein Urteil zu bilden, kann ich bestens verstehen. Letztendlich bin ich ja mit Houellebecq nicht anders verfahren: Ich konnte mich vage an die Kontroverse erinnern, an ihren genauen Inhalte (abgesehen von der Kritik an der allzu präsenten sexuellen Komponente) allerdings nicht mehr. So habe ich nun zehn Jahre später das Buch selbst für mich entdeckt und habe viel daraus mitgenommen, in positivem und negativem Sinne.
      Vielleicht könnte man jetzt im Nachhinein noch einmal die alten Diskussionen hervorholen, um die eigenen Empfindungen mit den damaligen Meinungen zu vergleichen. Vielleicht findet man auf diese Weise Antworten auf die Fragen, die sich einem während der Lektüre stellen; Interpretationen, an die man selbst nicht gedacht hat.

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      1. Kein Grund für eine Entschuldigung, ich habe Deinen Kommentar nicht als Angriff gesehen, zumal Du ja damit Recht hast. Man kann nicht alles über einen Kamm scheren, das ist von Fall zu Fall verschieden und sollte auch so betrachtet werden.
        Wie Du schreibst, kann man sich auch jetzt Meinungen und Standpunkte einholen und mit seinen Erfahrungen und Gedanken vergleichen. Das macht mir viel Spaß, unabhängig vom Zeitpunkt.

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  3. Frivolität in der Literatur halte ich per se nicht für schlecht, solang sie Frivolität in der Literatur halte ich per se nicht für schlecht, solang sie nicht zotig wird, denn frivol zu sein, ist ein natürlicher Zustand des Menschen, in dem er sich von Zeit zu Zeit befinden kann. Bei den Elementarteilchen von Houellebecq hatte ich hier und da den Eindruck, dass sich der Autor durchaus an diesen Frivolitäten delektiert und dann gleichzeitig versucht, das unter einem Mantel von moralischer Entrüstung und von der Position einer bis in die Unglaubwürdigkeit gesteigerten Tugendhaftigkeit zu kaschieren. Das wird insbesondere bei der Distanzierung des Autors von der 68er-Generation deutlich. Die Ausführung des Romans hat einige große literarische Stärken in Stil und Darstellung der Handlung mit Formulierungen, die die Kraft besitzen, sprichwörtlich zu werden. Doch fällt sie auch in einigen Passagen krass ab, was sich aus der Mischung aus essayistischen Elementen mit dem Plot ergibt. Diese Ausführungen sind jedoch teilweise fehlerhaft, wie z. B. die Auffassung des Autors über „Alphamännchen“. Betrachte ich die Geschichte von ihrem vollkommen ins Absurde übersteigerten Ende her, wird deutlich, was das Neue an der Perspektive von Houellebecq auf die moderne Gesellschaft ist: Es ist die Perspektive des resignativen Selbstmitleids, basierend auf der Unfähigkeit oder verloren gegangenen Fähigkeit zur Kommunikation. Die Sinnlosigkeit, der Ekel, das Inhaltsleere wird zum Ausdruck der Depression, in die sich der moderne Mensch nur zu gern fallen lässt, um sich damit seiner Verantwortung zur Sinngebung, zum Trost und zum Mutmachen zu entziehen.

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    1. Vielen Dank für deinen Besuch und deine tiefgehenden und durchaus interessanten Gedanken und Interpretationsansätze zu diesem Roman. Ich sehe, wir sind uns einig darin, dass es sich bei den Elementarteilchen um ein in vielerlei Hinsicht spannendes Werk handelt, das ebenso beeindruckend wie ärgerlich ist und einige deutliche Schwächen aufweist. Was du als „das Neue an der Perspektive von Houellebecq auf die moderne Gesellschaft ist“ identifzierst, scheint mir hingegen nicht wirklich neu, diese Resignation vor der Sinnlosigkeit nicht nur des eigenen Daseins, sondern der gesamten Menschheit ist doch – so mein nicht fachkundiger Eindruck – ein bekanntes Motiv in der modernen Literatur und Philosophie, oder nicht?

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