Jonathan Lethem: Die Festung der Einsamkeit

Jonathan Lethem - The Fortress of Solitude (c)

Der überwältigende und zugleich zerstörerische Mythos der Kindheit

Es gibt in der zeitgenössischen amerikanischen Literaturszene drei vergleichbar erfolgreiche Autoren namens Jonathan, die ich – über ihren gemeinsamen Vornamen, ihre Nationalität und ihren Ruhm hinaus – deshalb miteinander verbinde, da ihre Anfang dieses Jahrhunderts erschienenen Romane allesamt zerrüttete, von Leerstellen und Verdrängungen gezeichnete Familienverhältnisse schildern, und sie tun dies – wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise – mit einer ungeheuren Sprachgewalt: Jonathan Franzen (The Corrections, 2001), Jonathan Safran Foer (Everything Is Illuminated, 2002, und Extremely Loud & Incredibly Close, 2005) und Jonathan Lethem (The Fortress of Solitude, 2003).

Um letzteren soll es in der vorliegenden Besprechung gehen. The Fortress of Solitude erzählt die Geschichte nicht von einer, sondern von zwei Familien, oder vielmehr: halben Familien, denn in beiden fehlt die Figur der Mutter. Vier Charaktere stehen im Mittelpunkt des Geschehens, zwei Väter und zwei Söhne: Abraham und Dylan Ebdus einerseits, Barrett Rude Jr. und Mingus Rude andererseits. Schauplatz – und heimlicher Protagonist – der Geschichte ist Boerum Hill, ein Viertel im Nordwesten des multiethnischen New Yorker Stadtbezirks Brooklyn: In den 60er und 70er Jahren wachsen hier, in der Dean Street, Dylan und Mingus auf, deren Freundschaft – in einer Zeit, da Brooklyn von sich zuspitzenden Rassenkonflikten geprägt ist – ebenso innig wie fragil ist.

Als Dylan noch ein Kind ist, geht seine Mutter fort und kehrt nicht zurück, nur hin und wieder erhält er in den folgenden Jahren eine von »Running Crab« unterzeichnete Postkarte. Dylans Vater, der Künstler Abraham, vertieft sich daraufhin immer mehr in jenes Werk, das er bereits seit Jahren wie besessen vorantreibt und doch nie vollendet: einen Experimentalfilm, dessen Fotogramme er eigenhändig mit winzigen Pinseln bemalt und die sich bei bloßem Auge nicht voneinander unterscheiden. Um für sich und seinen Sohn aufkommen zu können, akzeptiert Abraham widerwillig das Angebot, Umschlagillustrationen für Science-Fiction-Bücher zu gestalten, und gelangt schon bald zu einem gewissen Ruhm unter Kennern, während er selbst dieser fragwürdigen Kunstform mit verachtendem Desinteresse begegnet.

Dylan ist einer der wenigen weißen Kinder, die die öffentlichen Schulen Brooklyns besuchen, nicht selten ist er Opfer von Belästigungen und kleineren Diebstählen seitens der farbigen Jugendlichen des Viertels. Nie jedoch widerfährt ihm Schlimmeres – dank seiner Freundschaft zu Mingus, dem gleichaltrigen schwarzen Nachbarsjungen, seinem Beschützer. Einst war Mingus’ Vater Sänger einer recht erfolgreichen Soulgruppe; inzwischen findet sein Leben einzig und allein in der dritten Etage seines Hauses in der Dean Street statt, wo er sich ausschließlich der Musik und den Drogen widmet – zwei Leidenschaften, die er an seinen Sohn Mingus weitergibt. Abraham und Barrett Jr.: zwei gebrochene, einsame Männer, die ihre Söhne – so scheint es – zutiefst lieben und doch unfähig sind, eine wirkliche Beziehung zu ihnen herzustellen, unfähig, Nähe zuzulassen.

Und auch die Freundschaft zwischen den beiden Jungen birgt eine gewisse Distanz, oder Heimlichkeit; sie beschränkt sich auf die Straße, in der sie aufwachsen, während Dylan ‚draußen’ – in der Schule vorwiegend – gezwungen ist alleine zurechtzukommen. Derart wird die Dean Street – und mit ihr die Kindheit – zu einer Art mythischen Welt, die Dylans restliches Leben prägen soll: »My childhood is the only part of my life that wasn’t overwhelmed by my childhood«, sagt der inzwischen erwachsene Ich-Erzähler des dritten Teils des Romans und fügt zweifelnd hinzu: »Overwhelmed—or did I mean ruined?«. Dieses so intime, an die Erinnerungen des Protagonisten gebundene Brooklyn ist die »Festung der Einsamkeit«, ein physischer und zugleich innerer Ort, an den Dylan sich zurückziehen, an dem er der eigenen fragilen Existenz entfliehen kann – ähnlich jener geheimen Zuflucht, in die Superman nach seinen Unterfangen zurückkehrte und die nun Lethems Roman seinen Titel gibt.

Die Welt der Comic-Superhelden ist denn auch – neben der Musik und dem Graffiti – die gemeinsame Leidenschaft Dylans und Mingus’, so sehr, dass sie Wirklichkeit wird: Als ihnen ein Ring in die Hände fällt, der seinem Träger die Fähigkeit zu fliegen verleiht, erschaffen und verkörpern sie gemeinsam »Aeroman«, um wie ihre Vorbilder das Verbrechen zu bekämpfen. Was der Leser anfangs für ein Spiel, für reine Imagination halten mag, erweist sich als eine reale Erfahrung der beiden Protagonisten, die keineswegs auf das Reich der Kindheit begrenzt, sondern ebenso wahr in der Gegenwart ist, als Dylan und Mingus längst erwachsen sind. Die realistische Erzählung des ersten Teil der Geschichte geht auf diese Weise in einen magischen Realismus über.

Doch findet der Zauber der Jugend ein jähes Ende, als Mingus infolge eines Familienstreits seinen Großvater Barrett Rude Senior erschießt, der inzwischen ebenfalls in das Haus gezogen ist und seinen Sohn – zurecht – für Mingus’ Drogengeschäfte verantwortlich macht. Die folgenden Jahre verbringt Mingus in diversen Gefängnissen, während Dylan diesem zerstörerischen Kessel entflieht, indem er sich zunächst an einer renommierten Universität einschreibt und schließlich, ohne das Studium beendet zu haben, nach Berkeley, Kalifornien geht, wo er als Musikjournalist tätig ist. Doch Dylan gelingt es nicht, sich von der Vergangenheit zu lösen, er fühlt sich schuldig, sich mehr und mehr von Mingus entfernt zu haben (eine Entfernung, die schon lange vor der tödlich endenden Auseinandersetzung einsetzte, als sich Dylan Punkkreisen anschloss und dem Einfluss seiner Nachbarschaft entzog), schuldig, nach seinem Fortgang jeden Gedanken an seinen Jugendfreund verdrängt zu haben, bis er zuletzt beinahe daran glaubte, es hätte ihn niemals gegeben. Schuld, ja, aber auch das widersprüchliche Gefühl von Selbstmitleid und Stolz, als einziger Weißer unter Farbigen aufgewachsen zu sein: Dieses Gefühl verfolgt ihn bis ins Erwachsenenalter; sein besessenes Sammeln von schwarzer Musik erscheint in diesem Licht als der unbewusste Versuch, die Schuld zu begleichen – oder zumindest ihr Ausdruck zu verleihen.

Vor dem Hintergrund der Rassenkonflikte infolge der afroamerikanischen Emanzipation erschafft Jonathan Lethem in The Fortress of Solitude einen Mikrokosmos voller Schönheit und doch der Hölle gleich, dessen Bewohner allesamt gebrochene Charaktere sind, die entweder von innerer Unruhe getrieben werden oder sich längst der Resignation hingegeben haben. Und nebenbei erfährt der Leser von der Geschichte des Souls, des Musikjournalismus, des Graffiti, des Experimentalfilms, der Science-Fiction-Literatur und anderer kultureller Ausdrucksformen. Obgleich es dem Autor nicht immer gelingt, Stereotypen zu vermeiden, und einige Dialoge – vor allem im ersten Teil – etwas zu zwanghaft den Slang der Straße imitieren, ist dieser Roman ein beachtliches Werk, auch in stilistischer Hinsicht: Es ist die trotz (oder gerade wegen) aller Magie authentische Introspektion eines jungen New Yorkers, der sich – seinem inneren Konflikt nachgehend – auf die Suche nach den eigenen Wurzeln begibt.

Dylan had turned bright red. »Can I take this?«
»Sure, sure.« Abraham spread his hands. »Why not?«
The kid hustled the folded newspaper into his knapsack and swept in a mad rush from the table, nearly upsetting his abandoned glass of OJ and his unfinished Cheerios floating in a half-bowl of milk, with face averted, ears blazing like taillights.
»Bye!« he shouted from the hall.
And was out the door.
Questions? Sure, Abraham had questions. Do you know something about this, son? Is there anything you might like to share with me? Just where do you and Mingus Rude go all day and all night, anyway?
For that matter, is Brooklyn itself a geographical form of insanity?
Are we, do you happen perhaps to know, my darling boy, cursed by God?
But who in this day and age got answers to his questions?

Lesetipp: Anlässlich der Veröffentlichung seines letzten Romans, Chronic City, führt Jonathan Lethem die Journalistin Gaby Wood vom Guardian durch die Dean Street, sein ganz pesönliches Brooklyn. Nachtrag vom 02/03/2011: hier und hier Besprechungen zu Chronic City, einem «ebenso faszinierenden wie irritierenden literarischen Kaleidoskop».

Jonathan Lethem: The Fortress of Solitude. Faber and Faber, London 2003, 582 Seiten. / Jonathan Lethem: Die Festung der Einsamkeit. Aus dem Amerikanischen von Michael Zöllner. Tropen, Köln 2004, 672 Seiten.

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4 Gedanken zu “Jonathan Lethem: Die Festung der Einsamkeit

    1. So düster ist es eigentlich gar nicht, auch wenn die Besprechung den Eindruck vermittelt hat. Eher melancholisch. Manches Mal sogar recht amüsant. Lesenswert auf jeden Fall, aber Franzen und vor allem Foer haben mir mehr zugesagt.

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  1. Immerhin habe ich mir auf deine Empfehlung hin „Everything is illuminated“ bestellt, ich bin schon gespannt. Deine obige Rezension klingt auch weniger enthusiastisch, als die zu Franzen, daher dachte ich mir das schon. Schlimm ist: mir ist bis zu deinem Artikel nie aufgefallen, dass sie alle drei Jonathan heißen!

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    1. Gut, diese Gemeinsamkeit ist ja nun auch nicht derart weltbewegend, dass man die drei Autoren zwingend miteinander verbinden muss, wie ich es tue. Ganz so ähnlich sind ihrer Bücher – abgesehen vom Erfolg und dem Bezug zur Familienthematik – dann doch nicht…

      Viel Spaß mit Foer, bin gespannt auf deine Meinung!

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