Jonathan Franzen: Die Korrekturen

Jonathan Franzen - The Corrections (c)

»It’s my wish that we can all be civil«

Während auf dem internationalen Buchmarkt derzeit Jonathan Franzens aktueller Roman Freedom gefeiert wird, habe ich nun endlich jenes Werk zur Hand genommen, das dem amerikanischen Schriftsteller zu weltweitem Ruhm verhalf: The Corrections. Es ist die Geschichte der Eheleute Enid und Alfred Lambert aus dem mittleren Westen, die gemeinsam ihren Lebensabend bestreiten und sich dabei auf sehr unterschiedliche Weise den Freuden und Mühen des Alters stellen; und es ist die Geschichte ihrer drei erwachsenen Kinder, deren vermeintlich stabilen Existenzen drohen in sich zusammenzustürzen.

Während Enid bereit ist, nach fünfzig Jahren als Mutter, Ehe- und Hausfrau ihre letzten Jahre zu genießen, indem sie sich etwa im Spielcasino eines Kreuzfahrtschiffes vergnügt und fragwürdige Pillen schluckt, um für eine Weile ihre Sorgen zu vergessen, zieht sich ihr altersdementer Mann in seinen blauen Stuhl im Kellergeschoss ihres Hauses zurück, wo er ganze Tage schlafend oder in die Leere starrend verbringt. Chip, ihr mittlerer Sohn, hat aufgrund einer Affäre mit einer Studentin seine Stelle als Universitätsprofessor verloren; seither arbeitet er als Lektor für eine kleine New Yorker Zeitung (von der seine Mutter aufgrund eines nie geklärten Missverständnisses glaubt oder glauben will, es handele sich um das Wall Street Journal), nebenher schreibt er etliche Versionen eines Drehbuch und reist schließlich in das politisch instabile Litauen, um dort dubiose Internetgeschäfte zu betreiben.

Sein älterer Bruder Gary ist – als einziger der Lambert-Kinder – verheiratet, er hat drei Söhne und einen lukrativen Job in einer Bank. Das auf den ersten Blick perfekt eingerichtete Leben hat allerdings einen Makel: Gary leidet wie sein Vater an einer klinischen Depression; doch statt sich die Krankheit einzugestehen, bemüht er sich vergebens, die Illusion des optimistischen und geschäftigen Familienvaters aufrechtzuerhalten. Und schließlich ist da Denise, die attraktive Anfang-Dreißigerin und seit Kurzem arbeitslose Spitzenköchin, die sich von ihrem älteren Gatten hat scheiden lassen und nun eine Affäre mit einem verheiraten Mann hat – dies zumindest die Befürchtung ihrer konservativen Mutter, während sich die Wahrheit weitaus komplizierter gestaltet.

Enids erklärtes Ziel ist es, ihre Kinder zu einem letzten gemeinsamen Weihnachtsfest im Hause Lambert zusammenzubringen, doch droht dieses Vorhaben an den emotionalen, mentalen und beruflichen Verwicklungen der Kinder und nicht zuletzt an der fortschreitenden Erkrankung Alfreds zu scheitern. Mit Scharfblick beschreibt Franzen die Täuschungen und Selbsttäuschungen einer mittelständischen amerikanischen Vorstadtfamilie, die um jeden Preis eine Vorzeigefamilie sein will: Jedes Verhalten, jede Geste ist darauf ausgerichtet, den Schein zu wahren.Zentrales Thema des Romans ist der Versuch, mit dem Leben zurechtzukommen, was hier bedeutet: die eigenen Fehltritte und Unzulänglichkeiten – wie der Titel suggeriert – zu korrigieren und den Erwartungen anderer gerecht zu werden.

In ihrem permanenten Streben nach Normalität, Anerkennung und Nähe unterdrücken die fünf Hauptfiguren ihre Gefühle, leugnen ihre Schwächen. Auf ihre Art sind sie alle liebenswert skurril, ihre jeweiligen Geschichten mal von zarter Melancholie, mal herrlich amüsant, bisweilen absurd: Etwas befremdliche Züge nimmt meines Erachtens die Episode von Chips abenteuerlichen Trip nach Litauen an, während Denise’ glückslose Liebschaften oder Alfreds zunehmende Entfremdung vom eigenen Körper zu den Höhepunkten des Buches gehören. Der Roman knüpft an die Tradition des realistischen Familienromans an und bereichert sie um einige postmoderne Kunstgriffe, wie es übrigens bereits Gabriel García Márquez‘ in Hundert Jahre Einsamkeit vormachte (auch wenn das Ergebnis ein vollkommen anderes ist). Mit The Corrections hat Franzen ein erzählerisch wie sprachlich herausragendes Werk geschaffen, voller Witz und Sarkasmus, verstörend traurig und zugleich irre komisch.

»Gary, I’ve had about enough of this.«
»Well, too bad, because I’m just getting started!«
»I’ve asked you not to speak of it. If you will not behave like a decent, civilized person, then I have no choice—«
»Your decency is bullshit. Your civilization is bullshit. It’s weakness! It’s fear! It’s bullshit!«
»I have no wish to discuss this.«
»Then forget it.«
»I intend to. We’ll not speak of it again. Your mother and I will visit for two days next month, and we will hope to see you here in December. It’s my wish that we can all be civil.«
»Never mind what’s going on underneath. As long as we’re all ‘civil’.«
»That is the essence of my philosophy, yes.«
»Well, it ain’t mine«, Gary said.
»I’m aware of that. And that’s why we will spend forty-eight hours and no more.«

Jonathan Franzen: The Corrections. Harper Collins, London 2002, 672 Seiten. / Jonathan Franzen: Die Korrekturen. Aus dem Amerikanischen von Bettina Abarbanell. Rowohlt, Reinbek 2002, 736 Seiten.

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3 Kommentare zu „Jonathan Franzen: Die Korrekturen

  1. Ich gestehe, dass ich die „Korrekturen“ schon öfter in den Händen hatte und sie dann stets – ob des wenig verheißungsvollen Klapptentextes und des Umfangs – wieder ins Regal zurückgestellt habe.
    Dass – gerade zur Weihnachtszeit – in vielen Familien nur der heile Schein gewahrt wird und die Gespräche kaum an der vermeintlich unversehrten Oberfläche kratzen, ist ja bekannt. Eigentlich ist es doch, trotz der von dir erwähnten Komik, ein tieftrauriges Buch, wenn jede Figur versucht, das was sie wirklich ist zu korrigieren, auszuradieren, nicht ans Tageslicht kommen zu lassen. Wenn man in der eigenen Familie nicht man selbst sein kann, wo dann?

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    1. Sicher ist es tieftraurig, aber eben auch tief menschlich, denn ist es nicht wirklich so? Das gilt für die Familie als kleinste soziale Gruppe ebenso wie für die Gesellschaft als Ganzes. Aber das sage ich, ganz ohne zynisch sein zu wollen. Ich persönlich habe keine solche Erfahrungen in der Familie machen müssen: So etwas wie eine Erwartungshaltung der Eltern bezüglich des Lebens der Kinder habe ich nie gekannt, nie musste ich mich rechtfertigen oder verstellen. Doch weiß ich, dass einige meiner Freunde mit so etwas umgehen müssen/mussten: sprich mit der Enttäuschung seitens der Eltern, weil man etwas „Unkonventionelles“/“Unnützes“ studiert; mit ihrer Traurigkeit, weil man sich von der Heimatstadt entfernt, schlimmstensfalls sogar ins Ausland geht und nicht gedenkt zurückzukehren; mit ihrer Empörung, weil man das Studentendasein genießt, statt mit Mitte Zwanzig endlich mal Verantwortung zu übernehmen. Während Weihnachten einerseits das „Fest der Liebe“ ist, so stellt es andererseits auch den Höhepunkt dieses Spiels dar, da dann alle zusammenkommen – die Oma, die fragt, ob man denn mittlerweile einen Partner hat; die Tante, die fragt, ob man mit dem Studium denn was machen kann in Zukunft; usw. Franzens Bericht ist natürlich oftmals übertrieben, zynisch, sarkastisch, aber eben doch ehrlich meines Erachtens. Und wie gesagt: trotz allem verdammt komisch. Insbesondere werden aber die schwierigeren Fragestellungen auf großartige Weise thematisiert, wie eben die Krankheit des Vaters. Vielleicht kannst du dich ja doch noch eines Tages überwinden… es lohnt sich.

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  2. Da bist du wirklich priviligiert, sei froh drum 🙂
    Was du in deinem Kommentar zum Roman geschrieben hast, lässt mich die Lektüre dann doch anvisieren, das klingt interessant. Hast du inzwischen ein Licht am Ende des Tunnels gefunden bezüglich sich möglicherweise konkretisierender Zukunftspläne? Ich habe in zwei Wochen meine Verteidigung…

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