Günter Grass: Hundejahre

Günter Grass - Hundejahre (c)

Ungeheuerlich ungewöhnlich unverhofft

Über Grass zu schreiben, stellt mich vor Schwierigkeiten. Worte zu finden für diese ungeheuerlichen ungewöhnlichen unverhofften, fantastisch skurrilen und raffiniert klugen, aus der Form geratenen, abwegigen und doch alles andere als widersinnigen Satzgestalten, in denen ein Stück deutscher Vergangenheit zu einer ganz surrealen Geschichte wird. Günter Grass‘ Hundejahre ist die Geschichte von Amsel und Matern, beide 1917 geboren, der eine am linken, der andere am rechten Weichselufer aufgewachsen. Mit acht schwören sie sich Blutsbrüderschaft, doch ihre Freundschaft wird immer wieder auf die Probe gestellt. Amsel ist dicklich und sommersprossig und verarbeitet die ihn umgebende Realität in Form von Vogelscheuchen. Matern ist Amsels Beschützer, wütend, gewaltbereit, unbeständig.

Als Matern – Schauspieler, SA-Mitglied und zugleich, in seiner Selbstwahrnehmung, Kommunist und Antifaschist – einen brutalen Angriff auf den Halbjuden und Vogelscheuchenerfinder Amsel initiiert, trennen sich ihre Wege für die nächsten zwanzig Jahre. Amsel ist unter verschiedenen Namen (Haseloff, Goldmäulchen, Brauxel/Brauchsel/Brauksel) Ballettintendant in Berlin, Schwarzmarkthändler, Erfinder von Wunderbrillen und schließlich erneut Vogelscheuchenschöpfer. Matern gerät in englische Kriegsgefangenschaft, zieht nach seiner Entlassung mit dem Hund Pluto durch das Nachkriegsdeutschland, um sich an ehemaligen Nazis aus seinem Bekanntenkreis zu rächen, wird Kinderfunksprecher und flieht zuletzt, als man ihn in einer Sendung mit seiner Schuld konfrontiert, nach Berlin, wo er auf Amsel trifft.

Zentral in der Geschichte ist der Hund: der schwarzhaarige deutsche Schäferhund (Perkun, der Senta zeugt, die Harras wirft, der Prinz zeugt, der zu Pluto wird), der nicht nur die wandlungsreiche Geschichte der Protagonisten begleitet, sondern selbst Geschichte machen wird. Prinz ist in der Tat Hitlers Lieblingshund, der während der Belagerung Berlins 1945 aus dem Führerbunker flieht: So wird – in Grass’ Hundejahren – der »Endkampf« um Berlin im Zeichen einer groß angelegten Führerhundesuchaktion ausgetragen. Es handelt sich um eine charakteristische Passage für diesen Text, der sich auf so absurd-groteske, fantastische und satirische Weise – sei es in wenigen Wörtern oder Sätzen, sei es in ganzen Kapiteln – der Geschichtsschreibung und -verarbeitung widmet.

Ein erzählerisch ebenso geistreicher und ungewöhnlicher Kniff wie der umgedeutete »Endkampf« ist etwa auch jenes Manuskript für eine Diskussionssendung, deren Gegenstand Matern, seine Schuld und seine (fehlende) Auseinandersetzung mit dieser sind. Oder das brillante Abschlusskapitel, in dem Amsel/Brauxel seinen Freund Matern – wie einst Vergil den verirrten Dante – durch sein Vogelscheuchenbergwerk führt, wo die Vogelscheuchen jeder Kammer (wie die Gefangenen jedes Danteschen Höllenkreises) einen anderen Aspekt des menschlichen Dasein spiegeln. Leitmotiv dieses irrwitzigen und schlichtweg genialen Romans ist die Frage nach der Erinnerung bzw. dem Vergessen: das Bewusstsein der Zuschauer, der Mitläufer und der Täter – sprich: das Bewusstsein der deutschen Nachkriegsgesellschaft angesichts der eigenen Vergangenheit.

Tulla und ich,
wir überraschten Eddi Amsel und den Sohn des Kolonialwarenhändlers [Oskar Matzerath aus Die Blechtrommel] im Schneegestöber auf der Fröbelwiese. Wir hockten hinter einem Rummelwagen, der auf der Fröbelwiese überwinterte. Amsel und der Gnom hoben sich als Schattenbilder vom Gestöber ab. Verschiedener als diese Schatten konnten keine anderen Schatten sein. Der Gnomschatten hielt seine Schattentrommel in den Schneefall. Der Amselschatten beugte sich. Beide Schatten hielten die Ohren an die Trommel, als lauschten sie dem Geräusch: Dezemberschnee auf weißlackiertem Blech. Weil wir nie etwas so Lautloses gesehen hatten, blieben auch wir still, mit frostroten Ohren: aber wir hörten nur den Schnee, das Blech hörten wir nicht.

Günter Grass: Hundejahre. dtv, München 1993, 752 Seiten.

2 Gedanken zu “Günter Grass: Hundejahre

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