J. D. Salinger: Der Fänger im Roggen

J. D. Salinger - The Catcher in the Rye (c)

Die Leiden des jungen Caulfield

Wenn etwas Schullektüre ist, so hat das gewiss einen Grund, einen pädagogisch wertvollen gerne, oder es handelt sich schlichtweg um gute Literatur – oder zumindest um Literatur, die als solche erachtet wird, vermutlich irgendeinem Kanon entsprechend. Bei Salingers The Catcher in the Rye mag es das Lehrreiche sein, das ‚Lesbare‘ des Textes, aber auch das ‚Identifikationspotential‘, das dieses Buch zur Schullektüre machte. Immerhin erzählt uns da ein Siebzehnjähriger von seiner Müdigkeit gegenüber der Schule, dem konservativ normierten Leben, den Menschen, die ihn tagtäglich »deprimieren«. Genau in diesem letzten Schlüsselwort liegt das Problematische des Textes. Lesbar ja, aber erträglich?

Dass der Ich–Erzähler Holden Caulfield sich in einem mehr als umgangssprach­lichen Monolog über die Unmöglichkeit des Lebens auslässt, ist mit Sicherheit ein Kriterium dafür, The Catcher in the Rye Jugendlichen zu lesen zu geben, in kürzester Zeit hat man die zweihundert Seiten Slang überwunden, doch mit jeder Seite wächst auch die Antipathie, die man gegenüber dem Helden empfindet. Nicht nur ist die Sprache schmerzhaft (schöne Sprache ist etwas Wundervolles: Es muss nicht zwingend ein Nabokov oder Grass sein, um mich zu begeistern, doch ein wenig Feingefühl, ja Mitgefühl mit der Sprache bitte!), darüber hinaus ist auch das fortwährend Klagenvolle, das Genervtsein, das ewige, teils von einem zum nächsten Satz springende Hin und Her zwischen »so depressed« und »damned happy« ganz einfach: furchtbar anstrengend. Man wünscht sich beinahe, dass der Tod diese Geschichte beenden würde, dann könnte man wenigstens denken, »a pretty good ending, it really was – if you want to know the truth« (so oder so ähnlich hätte es Holden Caulfield formuliert), aber natürlich gibt es ein Ende mit so etwas wie einer moralischen Aussage, mit einer Art Läuterung des Helden, der zum Schluss nicht in den Westen flieht, um sich als Einsiedler zu versuchen, sondern wegen des rührenden Verhältnisses zu seiner Schwester nach Hause kehrt.

Es gibt trotz allem einige gelungene Szenen, etwa Holdens Titel gebende Idee von einem Fänger im Roggen, der spielende Kinder davor bewahrt, am Rande des Feldes einen Abgrund hinabzustürzen – die einzige Aufgabe, die er sich für sein Leben vorstellen kann. Durchaus eine nette Metapher. Und schließlich das nächtliche Gespräch mit einem ehemaligen Lehrer. Nur wird das Gefühl der Sympathie, das sich an dieser Stelle kurzzeitig einstellt, sogleich zunichte gemacht, indem Holden ganz unvermittelt fürchtet, der Lehrer sei homosexuell und wolle ihm zu nahe treten, und folglich auch vor dieser Situation flüchtet. Selbst die Schwester bleibt keine durchweg positiv belegte Figur, man wird fast ein bisschen wütend darüber, dass ausgerechnet sie es ist, die am Ende zusammen mit Holden weggehen will und ihn damit zwangsweise zur Umkehr und Besinnung bringt.

Es ist allerdings keineswegs diese negative Stimmung, die den Text so wenig erträglich macht. Genau genommen ist die Idee von Holdens Überdruss am Menschen eigentlich eine ziemlich gute und immer wieder interessante; tragische Bücher und tragische Helden sind doch die besseren, nicht glückliche oder lustige. Insofern wäre ein tragisches Ende auch wesentlich stimmiger, überdies hätte derartig die moralische Frage vermieden werden können. Es sind vielmehr das vielerorts Sprunghafte von Holdens Gefühls– und Gedankenwelt, vor allem aber auch die verstümmelte Sprache, die einem die Lust am Lesen nehmen. Da hilft auch der schöne Titel nichts.

J. D. Salinger: The Catcher in the Rye. Penguin, London 1958, 240 Seiten. / J. D. Salinger: Der Fänger im Roggen. Aus dem Amerikanischen von Eike Schönfeld. Rowohlt, Reinbek 2004, 272 Seiten.

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10 Kommentare zu „J. D. Salinger: Der Fänger im Roggen

    1. Schön, dass du meinen Eindruck bestätigst. Ich kann nicht verstehen, was Schriftsteller und Literaturwissenschaftler an diesem Buch finden. Es verstümmelt die Sprache und sein Held ist unerträglich in seiner Ich-Bezogenheit. Komischerweise hat bisher niemand, den ich nach seiner Meinung fragte, das Buch gemocht. Raus aus dem Schulkanon!

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  1. Es eins meiner Lieblingbücher (und ich habe es nicht wegen der Schule gelsen) und ich finde es irgendwie nicht fair dieses Buch wergen seiner Sprache zu verurteilen. Es ist einer und gleublich vielfälltige Geschichte und Holden ist ein äußerst ineteressanter Charakter, der mich einerseits fasziniert, mir aber anderesseits völlig unsympatisch ist. Das macht macht das Lesen jedoch noch einnehmender und die Sprache ist einfach nur der pubkt, der seinen ganzen Charakter nochmal unterstreichen soll…

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    1. Liebe kulii, danke für deinen Besuch und den Kommentar.
      Wieso unfair? Meiner Meinung nach hat eine solche Einschätzung nichts mit Fairness zu tun, sondern ist vor allem eine Frage des persönlichen Geschmacks. Ich stimme dir darin zu, dass die Sprache zum Charakter des Protagonisten passt und noch dazu als Jugendsprache halbwegs authentisch ist. Aber gefallen muss es mir deshalb trotzdem nicht: Sowohl die Figur als auch den Gebrauch der Sprache fand ich (persönlich) mehr als ärgerlich, wieso soll ich also solch ein Buch positiv bewerten?
      Ich respektiere, wenn andere dieses Buch mit Bereicherung gelesen haben (und das sind ja in der Tat sehr viele), ich selbst habe ihm aber leider nicht so viel abgewinnen können.

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      1. Ja mir ist irgendwie kein passenderes Wort eingefallen, als unfair. Bei mir hat die Rezension nur den Eindruck gemacht, dass du das Buch schlecht fandest, weil dir die Sprache nicht gefallen hat. Klar ist diese Sprache nicht jermanns Sache,aber die Geschichte ist trotzdem faszinierend.

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      2. So falsch ist dein Eindruck gar nicht: Die Sprache war zumindest auch ein Grund dafür, dass ich das Buch nicht mochte. Immerhin besteht ein Roman aus Wörtern und Sätzen, also aus Sprache, und wenn die mich nicht anspricht, dann wird das Lesen zu einer Quälerei, da kann sie noch so authentisch und glaubwürdig sein. Aber für mich muss Literatur auch sprachlich immer interessant sein – damit meine ich nicht, dass sie immer schön und wohlklingend sein muss, ich bin auch für Experimentelles, Radikales, Extremes zu haben, bei Salinger habe ich sie aber leider nur als lästig empfunden.
        Und hinzu kommt eben, dass mich auch die Geschichte nicht mitreißen konnte, was vor allem an dem unerträglichen Protagonisten lag. Ich mag melancholische Geschichten sehr, misanthropische Figuren, die das eigene Leben und die ganze Welt hinterfragen. Aber Caulfield mit seiner Launenhaftigkeit und Sprunghaftigkeit war mir einfach zuwider.
        Somit gibt es zwei wesentliche Punkte, die mir an diesem (sicherlich bedeutenden) Werk aufstießen, sodass es für mich leider keine erfreuliche Lektüre war.
        Aber ich freue mich, dass du mehr aus ihr ziehen konntest.
        Liebe Grüße.

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  2. Mir erging es damals beim Lesen ähnlich (ich habe es freiwillig, nicht in der Schule gelesen) und ich denke, dass es völlig überbewertet wird. Ich verstehe den Wirbel um dieses Buch nicht.

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    1. Ob das Werk tatsächlich überbewertet ist, mag ich nicht beurteilen. Es hat ja schon eine enorme Wirkung auf wahnsinnig viele Menschen gehabt, vor allem auf junge Leser, aber nicht nur – und ich kann auch die Gründe nachvollziehen, ich kann rein rational verstehen, was die Leute in diesem Roman sehen. Insofern ist sein Ruhm sicherlich berechtigt. Aber emotional ging er eben an mich persönlich überhaupt nicht heran, da kann er noch so bahnbrechend sein.

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