Die Besten und Schönsten 2016

Nun ist es dahin, dieses Jahr, und während man sonst immer etwas wehmütig zurückblickt, dürfte es diesmal ein allgemeines Aufatmen geben, so sehr hat uns 2016 zugesetzt. Hinsichtlich der weltpolitischen Lage war es, darin sind wir uns alle einig, kein gutes Jahr. Aber was mich angeht, war es das auch im Kleinen nicht: Es war kein gutes Lesejahr. Ich habe vergleichsweise wenig gelesen und noch weniger besprochen, einiges hat mir gefallen, aber das allerwenigste hat mich wirklich begeistert. Tatsächlich waren ein paar der schönsten Lektüren des Jahres beruflicher Art, aber über die darf ich noch nichts sagen (mit Ausnahme von Willi Achtens fulminantem Roman Nichts bleibt, der im Frühjahr bei Pendragon erscheint). Ein Glück, dass die Ausbeute in Sachen Film und Musik deutlich üppiger ausfiel. Hier also meine jeweiligen Top Fives in alphabetischer Reihenfolge.

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Sechs Lesungen

Wenn das Jahr sich dem Ende zuneigt, sind Rückblicke naheliegend. Auch ich blicke zurück – allerdings nicht auf meine literarischen, musikalischen und filmischen Highlights 2016 (das folgt noch), sondern auf die Lesungen, die ich in den vergangenen Monaten besucht habe. Für gewöhnlich teile ich meine Eindrücke auf Facebook, eine Zusammenfassung gibt es in unregelmäßigen Abständen hier im Blog: Den Anfang machten vier Veranstaltungen im Frühjahr, nun folgen sechs hinreißende Herbst-Happenings. Und da am Jahresende nicht nur Rückblicke, sondern auch Vorschauen verlockend sind, kann ich an dieser Stelle schon verraten, dass ich mich 2017 unter anderem auf Lesungen mit Katharina Winkler, Isabelle Lehn, Shida Bazyar, Roman Ehrlich, Zsuzsa Bánk und Paul Auster freue.

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10 beste Indiebooks

Unter dem Hashtag #wereadindie wollen wir, das Team vom gleichnamigen Gemeinschaftsblog, Leserinnen und Leser dazu anregen, von ihren liebsten Büchern aus unabhängigen Verlagen zu erzählen. Freilich braucht es dazu keinen Anlass, es lohnt immer, über besondere Literatur zu reden, andere mit der eigenen Begeisterung anzustecken und sich wiederum anstecken zu lassen – wir Indie-Bloggerinnen und -Blogger tun das seit dreieinhalb Jahren unablässig. Und dennoch gibt es nun einen aktuellen Anlass: Im Frühjahr dieses Jahres hat der Bundesgerichtshof entschieden, dass die jährlichen Ausschüttungen der VG Wort zu Unrecht auch an die Verlage gingen, sie seien lediglich Verwerter, keine Urheber; jetzt wurden die Rückzahlungsaufforderungen verschickt (mehr dazu hier). Kleinverlage trifft dies besonders hart, einigen droht gar die Insolvenz.

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Thomas Melle: Die Welt im Rücken

»Er war der Rowdy, dann die Leiche. Und jetzt ist der Bipolare der Entfremdete schlechthin.«

Thomas Melle weiß, wie er den bibliophilen Leser einfängt. Sein viertes Buch Die Welt im Rücken, eine Auseinandersetzung mit seiner manisch-depressiven Erkrankung, beginnt mit den Worten, er müsse von einem Verlust berichten: dem Verlust seiner Bibliothek. Er hat sie in den vergangenen Jahren verscherbelt, verschenkt, weggeworfen. Jeder, der selbst Bücher besitzt, sie nicht nur liest, sondern hortet, archiviert und pflegt, der kann Melles Schmerz nachempfinden. Es sind ja nicht bloß Bücher, Objekte; sie sind der Spiegel eines ganzen Lebens, für manche gar identitätsstiftend. Auf den letzten Seiten des Berichts kehrt Melle zu seiner Bibliothek zurück, erzählt, wie sie allmählich wieder wächst und wie er Hoffnung schöpft, eines Tages erneut ein geordnetes Leben führen zu können: »Die Welt im Rücken, werde ich nicht aufgeben.«

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Ross Thomas, Dominique Manotti & Nathan Larson

»Es ist eine ziemlich widerliche Welt. Ich bin nur der Erzähler, Zuckerschnute.«

In Hamburg gibt es diesen jungen Indie-Verlag, der sich gut gemachter Spannungsliteratur verschrieben hat. Und diesen Verleger, der höchstpersönlich mit seinen Büchern durch die Republik reist. Die Rede ist von Wolfgang Franßen, der zum einen vor gut zwei Jahren den Polar Verlag gründete und zum anderen die Veranstaltungsreihe Talk Noir ins Leben rief (hier mehr dazu). Nach Hamburg, Berlin und Münster feierte das Format kürzlich Premiere in Frankfurt: eine Bar, drei professionelle Leser und drei Bücher, ein aufgeschlossenes Publikum und ein paar Biere – Literaturvermittlung jenseits der Wasserglaslesung. Am Tresen vom Café Luise saßen neben Initiator Franßen der Kritiker Alf Mayer und ich, gemeinsam sprachen wir über drei Krimis, die vom Kreislauf des Geldes, von der Weltwirtschaft, von schmutzigen Geschäften erzählen: Ross Thomas’ Fette Ernte, Dominique Manottis Schwarzes Gold und Nathan Larsons Zero One Dewey.

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Talk Noir: Wir reden über Krimis und Geld

Im Frühjahr habe ich mich für We read Indie mit Wolfgang Franßen unterhalten, dem Gründer des zwei Jahren jungen Polar Verlages. Wolfgang macht nicht bloß Bücher, er hat auch ein Magazin, die Polar Gazette, sowie eine Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen, die sich der Noir-Literatur widmen. »Die Buchbranche ist im Umbruch«, sagt er. »Heutzutage gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, wie Geschichten von Lesern angenommen werden. […] Hat es früher gereicht, ein Buch zu drucken und in den Buchhandel zu geben, erwarten die Leser von uns heute mehr. Zusätzliche Formate. In Gestalt von Blogs, Videos oder Online-Magazinen. Das Phänomen der Community hat das Erscheinungsbild und das Auftreten der Verlage bereits grundlegend verändert.«

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Helen Macdonald: H wie Habicht

»Der Habicht war all das, was ich sein wollte«

Schwer zu sagen, was mich an Helen Macdonalds H wie Habicht von Beginn an fasziniert hat. Ich lese für gewöhnlich keine Sachbücher, schon gar nicht über etwas, das mir einigermaßen gleichgültig ist – und Greifvögel sind es. Ich weiß rein gar nichts über sie und verbinde nichts mit ihnen: Warum mich also über vierhundert Seiten mit ihnen befassen? Vielleicht ist es dieselbe unerklärliche Faszination, die auch die Reihe »Naturkunden« aus dem Hause Matthes & Seitz ausübt. Wie gut jedenfalls, dass ich meinem Instinkt schließlich gefolgt bin: H wie Habicht ist ein eindrucksvolles Hybrid aus Naturbetrachtung, Selbsterfahrungsbericht und literaturgeschichtlichem Essay, es zeigt, das jede dieser Gattungen ein literarisches Ereignis sein kann.

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