Anatomie einer verrückten Seele

by caterina

Letztes Jahr las ich das 2009 erschienene Mängelexemplar von Sarah Kuttner – ein Werk, dem ich gewiss keine Aufmerksamkeit hätte zukommen lassen, wäre es mir nicht geschenkt worden. Umso überraschender war dann die positive Leseerfahrung, die mir das Buch bescherte: Sicher, Sarah Kuttners Romane sind keine Hochliteratur, sie schreibt in etwa so, wie sie spricht – plappernd, salopp, «leichtfüßig», wie mara es nannte. Doch obgleich ich in der Belletristik nicht selten den Worten eine größere Bedeutung beimesse als der erzählten Geschichte, störte mich Kuttners Redefluss keineswegs, sondern empfand ihn eher als nonchalant. Ungekünstelt, nah am Leben, nah an meiner Generation. Ebenso wie die Problematik, die in Mängelexemplar auf sehr authentische Weise thematisiert wird: Depressionen.

Die Parallelen zwischen Kuttners Werk und Eva Lohmanns Acht Wochen verrückt, das vor knapp einem Jahr erschien und mir nun in die Hände fiel, sind nicht zu übersehen: hübsche Autorinnen um die dreißig, die in der Kreativbranche tätig sind; Burnout als gesellschafts- und vor allem romanfähiges Thema, mit einer Spur Lässigkeit, deshalb aber nicht weniger eindringlich behandelt. Nur geht Lohmann einen Schritt weiter: Nicht jene erste Auseinandersetzung mit immer häufiger werdenden Symptomen schildert sie, jene beunruhigenden Fragen, die aufkommen angesichts der neuerdings verrücktspielenden Psyche, jenen Punkt, an dem man sich unweigerlich eingestehen muss, dass man krank ist. Gleich auf der ersten Seite, im ersten Satz kommt Mila Winter, die 27-jährige Protagonistin und Lohmanns Alter Ego, in eine Klinik für psychosomatische Störungen, oder wie sie selbst es ausdrückt: in die Klapse.

Vereinzelte knappe Rückblenden lassen den Leser an Milas Leben davor teilhaben, daran, wie tiefe Müdigkeit und Traurigkeit ihren Körper und ihre Seele lähmen, wie allein der Gedanke, zur Arbeit gehen zu müssen, sie erschöpft, wie sie sich immer mehr den sozialen ‚Verpflichtungen’ entzieht und ihr Sofa ein Ort des Rückzugs wird. Dabei ist eigentlich alles in bester Ordnung – klasse Job, fürsorglicher Freund, eigene Wohnung: «Man sollte doch meinen, ich sei das blühende Leben». Und trotzdem hört Mila eines Tages einfach auf zu funktionieren, legt sich auf das Sofa, versinkt ganz und gar darin, tief hinein in die Schaumstofffüllung, bis alles um sie herum still ist. Und da ist sie nun, in der Klapse, für sechs Wochen, an die sie zwei weitere anschließt. Inmitten von Verrückten, die ihr bald vertrauter sind als zuletzt ihr eigener Freundeskreis: «Wir sind einfach alle so schön kaputt».

Gemeinsam mit Mila stellt sich der Leser die Frage, was eigentlich normal ist, und schaut dabei unweigerlich auch auf das eigene Leben. Viele der Gedanken und Ängste, mit denen Mila hadert, sind einem nicht unbekannt; die Anforderungen, die das Leben an uns stellt, drohen uns zu überfordern. «Wir wollen doch nur, dass du glücklich wirst», lautet einer der Sätze, den Milas Mutter jahrelang predigt, auch jetzt wieder, im Familiengespräch in der Klinik – nichts Schwierigeres könnte sie von ihrer Tochter verlangen: «Nur? Weißt du, was das für ein Anspruch ans Leben ist? Glücklich zu sein? Ein zufriedener, ausgeglichener Mensch zu sein?». Ich möchte nicht so weit gehen und behaupten, das sei ein Generationsding, vermutlich ist es jeder Generation so ergangen angesichts des (gefühlt) immer rasanteren und radikaleren Gesellschaftswandels. Dass wir aber das eigene Scheitern, die eigene vermeintliche Unzulänglichkeit öffentlich thematisieren und somit die Ziele, nach denen wir eifern, hinterfragen, scheint mir neu.

Behutsam, aber immer auch mit einem Augenzwinkern erzählt Eva Lohmann in ihrem autobiographischen Roman davon, wie es ist, mit einem Mal als verrückt zu gelten – und sich zum ersten Mal wohl in der eigenen Haut zu fühlen, ausgeglichen, verstanden. Sie erzählt von den Bemühungen Milas, gemeinsam mit dem Therapeuten die Tausenden von Fäden zu entwirren, die ihre Psyche bilden; vom Freund, den der Besuch in der Klinik verängstigt; von den Eltern, in deren Vorstellung es so etwas wie Funktionsuntüchtigkeit bisher nicht gab. Sie erzählt von den anderen Patienten, viele von ihnen Depressive wie Mila, viele Magersüchtige und Bulimiekranke, deren Störung ihr anfangs so einfach behebbar vorkommt: Doch sie zum Essen aufzumuntern ist genauso aussichtslos wie Mila zum Leben aufzumuntern – «Wir wollen nicht». Ein bisschen erwachsener als Kuttner klingt die Autorin dabei, ein bisschen tiefgründiger und konzentrierter ist ihre Anatomie der verrückten Seele.

Eva Lohmann
Acht Wochen verrückt
München: Piper, 2011