Das Porträt einer in die Jahre gekommenen Ehe

by caterina

Sally und Alfred sind in ihren Fünfzigern, sie eine dynamische und noch recht attraktive Lehrerin, er ein träger, behäbiger Museumskurator, der seinen Stützstrumpf nicht so sehr wegen der hervortretenden Krampfadern trägt, sondern weil er sich damit offenbar etwas sicherer, weniger verwundbar fühlt angesichts der Herausforderungen des Alltags. Da ist zum Beispiel der Einbruch in ihr Wiener Vorstadthaus, während Sally und Alfred im Urlaub sind. Vor allem die Verwüstung und Beschmutzung seiner umfassenden Sammlung von Schallplatten und Tagebüchern, die er in einer antiken Truhe aufbewahrt, stellt einen Eingriff in die Privatsphäre dar, den Alfred über Wochen und Monate hinweg nicht verwinden kann.

Sallys Nerven sind gehörig strapaziert, sie weiß beileibe Besseres mit sich anzufangen, als ihren so wehleidigen und immer abstoßender werdenden Ehemann zu umsorgen, der Tag für Tag auf dem Sofa sitzt, seine Beobachtungen und Gedanken niederkritzelt und sich einfach keinen Ruck geben kann. Sie beginnt kurzerhand eine Affäre mit dem ebenfalls verheirateten Nachbarn Erik, Alfreds bestem Freund. Es ist nicht Sallys erste Affäre – und wird auch sicher nicht ihre letzte sein. So etwas wie ein schlechtes Gewissen oder gar Reue kennt sie nicht, im Gegenteil: Sie stichelt Alfred und versucht die gelegentlich in ihr aufsteigende Abscheu ob seines gleichmütigen und unbeholfenen Wesens nicht zu verbergen.

Sally ist frei von Hemmungen; Gefühlsduselei und Schönreden liegen ihr nicht. «‹Du, Erik›, unterbrach sie ihn, ‹ich begehe meine Dummheiten nicht deshalb, weil ich dumm bin. Also lass uns bitte aufhören zu reden. Ich weiß, dass es kompliziert ist. Ich kann mich in komplizierten Dingen zurechtfinden, andernfalls wär ich vielleicht keusch. Jetzt sollten wir einfach ficken.›» Arno Geiger legt mit Alles über Sally ein ungewöhnliches Porträt einer Mittfünfzigerin vor. Ihre drei Kinder, die sich auf dem Weg zum Erwachsenwerden befinden, und ihr Beruf als Lehrerin kommen darin nur am Rande vor. Was dem Leser hier vorgeführt wird, ist das körperliche (und damit einhergehend das emotionale und geistige) Verlangen dieser Mittfünfzigerin, die Aufregung, die sie in einer Liebschaft sucht, und die Unbefriedigung, die ihr die in die Jahre gekommene Ehe verschafft.

Sally findet es mit einem Mal anstrengend, wie Alfred auf ältliche Weise im Bett sitzt, ein überzeugender Beitrag zur Trostlosigkeit dieses Zimmers, Alfred, in seiner weichen Korpulenz, zwei Kissen im Rücken. […] Sally spürt einen Stich des Alarms, gleichzeitig hat sie Alfred vor Augen, sein träges Gehen, gestern, als er mit Hängeschultern über das Hochmoor stapfte, den kleinen Rucksack nach Schulbubenart auf dem Rücken […]. Als sie am Abend in der Pension die Treppe hochstiegen, knickten ihm die Beine vor Müdigkeit fast ein. [Er schlief] zehn Stunden, vergaß aber selbst im Tiefschlaf nicht, fordernd und verlangend zu sein. Die halbe Nacht grabschte er nach Sallys Hüften oder ihrem Hintern, die meiste Zeit lag er auf ihr. Sie selber wachte einige Male in Schweiß gebadet auf, so dass sie sich jetzt fragt: Was ist das? Ist es Alfred oder seelische Armut oder eine Krankheit? Sind es die Hormone oder ist es Angst?

Nicht nur aus ihrer eigenen Sicht erfährt der Leser alles über Sally, sondern auch aus der Sicht Alfreds, der sich immerzu fragt, wer ist eigentlich diese Frau, mit der ich all die Jahre verheiratet bin; manchmal hat er das Gefühl, sie gar nicht zu kennen. Bemerkenswert ist sein Gedankenfluss am Ende des Romans, ein Joyce’scher Bewusstseinsstrom, in dem seine Ratlosigkeit, vielleicht auch seine Resignation und gleichzeitig seine unerschütterliche Zuneigung zum Ausdruck kommen angesichts dieser so fremden, nicht greifbaren Frau. Alles über Sally ist eine unaufgeregte Geschichte, das Verhältnis mit Erik wird ein Ende haben und Sally sich erneut in die Beständigkeit ihrer Ehe einfügen. Ihre Abgebrühtheit nimmt man ihr dabei nicht wirklich übel, genauso wenig wie Alfreds kauzige Art. Wie die Institution der Ehe hier unter die Lupe genommen wird, mag zwar etwas zynisch sein, an Authentizität fehlt es aber nicht. Und unterhaltsam ist es allemal.

Arno Geiger
Alles über Sally
München: Hanser, 2010