Unsere undurchdringliche «Sachwelt»

by caterina

Kafka vollkommen unvorbereitet zu lesen (weder in der Schule noch während des Studiums ist er mir – abgesehen von der Verwandlung – begegnet) und auch anschließend keine klugen Bücher zum Verständnis hinzuzuziehen, ist womöglich vermessen, eine Durchdringung der Texte nahezu undenkbar, so vieldeutig und dicht gearbeitet sind sie. Dies soll keineswegs bedeuten, dass man die einzelnen Worte, Absätze, Kapitel nicht verstünde: Man liest sie – recht zügig sogar – und findet sich scheinbar mühelos in ihnen zurecht; doch wirklich zu begreifen sind sie in ihrer Ganzheit nur schwerlich. Am Ende bleibt man etwas verloren zurück in dieser undurchsichtigen Welt, die Kafka erschaffen hat, die so sehr der unsrigen gleicht und doch – oder gerade deshalb – zutiefst beunruhigend ist.

In dem unvollendeten Roman Der Prozeß, erstmals postum im Jahre 1925 erschienen, ist es die Welt von Josef K., in die wir eindringen – oder vielmehr war es seine Welt, denn mit Beginn der ersten Seite bricht sie Stück für Stück auseinander, und der Leser wohnt diesem Untergang ebenso machtlos bei wie der Protagonist K. Am Morgen seines dreißigsten Geburtstags überbringen Wächter eines Gerichts K. die Nachricht, er sei Angeklagter in einem Prozess. Tatsächlich verhaftet und fortgebracht wird er jedoch in den folgenden Tagen und Monaten nicht, es steht ihm frei, auch weiterhin seinen Tätigkeiten wie gewöhnlich nachzugehen. Doch ist es eben diese scheinbare Freiheit, die ihm das alltägliche Leben unmöglich macht.

K. ist wie gelähmt vom Wissen um den Prozess. Er ist zunehmend unfähig, seiner Position als leitender Bankangestellter gerecht zu werden: Abgeschottet von seinen Vorgesetzen und Kollegen, verliert er Stunde um Stunde in seinem Büro mit angstvollem Warten. Vergeblich versucht er, die Mechanismen des Gerichts zu durchschauen; vermeintliche Helfer raten ihm zu der einen oder anderen Vorgehensweise, die sie im nächsten Satz jedoch schon wieder verwerfen: Jedem «einerseits» lassen sie ein «andererseits» folgen, jede Möglichkeit entlarven sie sofort als unmöglich. Diese Ausweglosigkeit spiegelt sich in dem fast gänzlichen Fehlen von Handlung, stattdessen werden Seiten und ganze Kapitel mit K.s sich im Kreise drehenden Gedanken gefüllt, mit endlosen Gesprächen oder vielmehr Monologen, denen doch nie ein Entschluss oder gar eine Tat folgt.

K.s Leben geht allmählich in die Brüche – und das, obwohl der Prozess, der dem Roman seinen Titel gibt, nie wirklich stattfindet; er ist vielmehr wie eine unsichtbare Bedrohung. Allenfalls werden groteske Untersuchungen einberufen, Papiere angefertigt, Mahnungen ausgesprochen. Über den Untersuchungsrichter hinaus bekommt K. keine Instanz des Gerichts zu Gesicht, ein Jahr lang bewegt sich sein Fall auf immer derselben untersten Ebene des Systems. Ja, bis zum Schluss erfährt K. – und mit ihm der Leser – nicht einmal den Grund für die Verhaftung, seine vermeintliche Schuld. In dieser fortdauernden Ungewissheit, in der K. gefangen ist, liegt das Bedrückende, das Verstörende des Romans.

Dieses Fragment der Kafkaschen Prosa ist gewiss weder kurzweilig noch vergnüglich, es lässt den Leser mit einer Fülle an Fragen zurück, die, um auch nur annähernd geklärt zu werden, nach einer unendlich intensiveren Auseinandersetzung verlangen würden als einer einfachen Lektüre. Dennoch ist die Leseerfahrung – trotz allen Unwissens und Nichtbegreifens und trotz des bitteren Nachgeschmacks, den sie hinterlässt (und ich möchte hinzufügen: trotz des nüchternen Stils des Autors, der mir persönlich nicht immer zusagte) – bereichernd und ungemein anregend.

Seine Blicke fielen auf das letzte Stockwerk des an den Steinbruch angrenzenden Hauses. Wie ein Licht aufzuckt, so fuhren die Fensterflügel eines Fensters dort auseinander, ein Mensch, schwach und dünn in der Ferne und Höhe, beugte sich mit einem Ruck weit vor und streckte die Arme noch weiter aus. Wer war es? Ein Freund? Ein guter Mensch? Einer, der teilnahm? Einer, der helfen wollte? War es ein einzelner? Waren es alle? War noch Hilfe?

Lesetipp: Obgleich ich mich, wie ich eingangs anmerkte, an die Lektüre Kafkas gänzlich ohne Vor- und Nachbereitung wagte (und dementsprechend statt einer tief greifenden Deutung des Textes an dieser Stelle lediglich lose Gedanken und Leseeindrücke formulierte), so möchte ich euch dennoch nicht den Interpretationsansatz vorenthalten, auf den mich die Kafka-Kennerin Syn-ästhetisch aufmerksam gemacht hat: Die Essayistin und Dichterin Margarete Susman betrachtet Kafkas Protagonisten als Hiob-Figuren in einer präzisen, «überklare[n] Sachwelt», «in der die Seele ganz den Dingen unterworfen und von ihnen erdrückt» und in der «jeder Widersinn […] zugelassen» sei – einer Welt, über die «plötzlich das Gesetz Gottes» hereinbreche und nun «die entsetzliche Umkehrung alles Menschlichen gegen sich selbst» entblöße.