Leseprobe The Book Thief
Man bat mich heute auf meiner Praktikumsstelle in einer prominenten Berliner Buchhandlung, die Arbeit um vier zu unterbrechen und um acht Uhr abends wegen Personalmangels wieder aufzunehmen. Mal abgesehen davon, dass ich es anprangere, wie man auf diese Art und Weise bereits am dritten Arbeitstag von meinem Praktikantenstatus profitiert, verbrachte ich zwei ausgesprochen angenehme Stunden auf der dritten Etage. Mein Kollege und ich, wir zogen uns in unsere jeweiligen Informationsinseln zurück und nahmen nur in kritischen Momenten Kontakt zueinander auf. Er hatte womöglich Belangvolles zu erledigen, ich hingegen weniger. Noch dazu wurde ich freigesprochen von den gewöhnlichen Aufgaben wie Packen, Räumen, Sortieren, sprich: von allzu hektischen Bewegungen. Ganz auf meine Informationsinsel durfte ich mich konzentrieren und beschränken, keinen (unnötigen) Schritt unternahm ich also außerhalb dieser meiner Zone.
Wenn nicht bis zum nahe stehenden Novitätentisch, um mir dort endlich den Markus Zusak zu greifen, der mich jedes Mal, wenn ich an ihm vorüberging, ein wenig länger bei ihm verharren ließ. Schon des reizenden Covers wegen, das diese umwerfende Zeichnung vom Mädchen und vom Tod zeigt. So begann ich meine angesichts der ungelesenen Bücherhaufen durchaus angebrachte ‘Arbeit’: das gierige Probelesen! Ich mag Bücher über Bücher, zumindest bin ich der festen Überzeugung, dass es so ist. Ich habe sie nur noch nicht gelesen. Ruiz Zafón beispielsweise, auch Walter Moers, ja selbst Die unendliche Geschichte fehlen noch. Kürzlich las ich immerhin Calvinos Se una notte d’inverno un viaggiatore, einen großartigen Roman über das Schreiben und das Lesen und über das Bücherlieben. Es könnte sich hieraus eine Leidenschaft entwickeln, stelle ich mir vor, gewissermaßen ein sonderbares Spezialgebiet inmitten von so viel Halbwissen.
Die ersten Seiten von The Book Thief waren zwar nicht so gut wie die Zeichnung auf dem Cover, aber doch gut. Erste Seiten mag ich, wie Bücher über Bücher. Dieses Buch hat einen originellen Erzähler, den Tod, nur erfährt man das ohnehin schon vom Klappentext. Und es hat schon auf den ersten Seiten schöne Details: die Aufmerksamkeit des Todes gegenüber Farben etwa. «Personally, I like a chocolate–colored sky. Dark, dark chocolate. People say it suits me», sagt der Tod. Der Text spielt mit Visuellem, und zwar nicht nur auf textlicher Ebene, sondern tatsächlich auch auf visueller Ebene, mit Buchstaben, mit Schriften, wie Jonathan Safran Foers Extremely Loud & Incredibly Close, wie mittlerweile vermutlich jede Menge junger Literatur. Die Geschichte ist auch ungemein schnell, vielleicht etwas zu rasant für den Tod, den ich mir irgendwie als einen gemächlicheren Erzähler vorstelle. Zeit ist ja genügend vorhanden.
Nur zum Probelesen nicht mehr. Schon waren die zwei Lesestunden in meinem Informationsinselsessel vorüber. Weit bin ich nicht gekommen, aber doch weit genug, um zu wissen, dass Zusaks Buch wunderbar ironisch und makaber ist. Bis zur Stelle mit den Büchern bin ich leider noch nicht vorgedrungen.
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