Auf dem Nachttisch
Eugen Ruge – In Zeiten des abnehmenden Lichts | David Grossman – Das Lächeln des Lammes | David Foster Wallace – Unendlicher Spaß
Aktueller Tipp | Literarisches
Daniela Krien – Irgendwann werden wir uns alles erzählen
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Daniela Krien – Irgendwann werden wir uns alles erzählen

W oder Die Kindheitserinnerung: Schon der Titel – der Buchstabe «W», im Französischen «double v», sowie die beiden durch die Konjunktion «oder» verbundenen Komponenten – verweist auf die Zweiteilung des Textes. Das Buch vereint zwei Geschichten, die sich in sehr kurzen Kapiteln abwechseln und scheinbar keinen Bezug zueinander haben. Auf der einen Seite die ‚autobiographische’ Erzählung des Autors Georges Perec, der von sich behauptet, keine Erinnerung an seine Kindheit zu haben, und der diese verlorene Kindheit anhand von Fotografien, Dokumenten und den wenigen Erinnerungen, die ihm geblieben sind oder die nun während des Schreibens zurückkehren, zu rekonstruieren versucht. Auf der anderen – ‚fiktiven’ – Seite die Reise des Erzählers Gaspard Winckler nach Feuerland, wo er auf der Insel W eine Gesellschaft entdeckt, die sich ganz und gar dem Sport verschrieben hat. Wenn bisher die Wörter ‚Autobiographie’ und ‚Fiktion’ in Anführungszeichen standen, dann liegt dies daran, dass es sich lediglich um eine grobe Unterscheidung handelt, die bei näherer Betrachtung nicht standhält. Den Rest des Beitrags lesen »

Letztes Jahr las ich das 2009 erschienene Mängelexemplar von Sarah Kuttner – ein Werk, dem ich gewiss keine Aufmerksamkeit hätte zukommen lassen, wäre es mir nicht geschenkt worden. Umso überraschender war dann die positive Leseerfahrung, die mir das Buch bescherte: Sicher, Sarah Kuttners Romane sind keine Hochliteratur, sie schreibt in etwa so, wie sie spricht – plappernd, salopp, «leichtfüßig», wie mara es nannte. Doch obgleich ich in der Belletristik nicht selten den Worten eine größere Bedeutung beimesse als der erzählten Geschichte, störte mich Kuttners Redefluss keineswegs, sondern empfand ihn eher als nonchalant. Ungekünstelt, nah am Leben, nah an meiner Generation. Ebenso wie die Problematik, die in Mängelexemplar auf sehr authentische Weise thematisiert wird: Depressionen.
Die Parallelen zwischen Kuttners Werk und Eva Lohmanns Acht Wochen verrückt, das vor knapp einem Jahr erschien und mir nun in die Hände fiel, sind nicht zu übersehen: hübsche Autorinnen um die dreißig, die in der Kreativbranche tätig sind; Burnout als gesellschafts- und vor allem romanfähiges Thema, mit einer Spur Lässigkeit, deshalb aber nicht weniger eindringlich behandelt. Nur geht Lohmann einen Schritt weiter: Den Rest des Beitrags lesen »

Weil Weihnachten ist und ich von den vielen Süßigkeiten und vom schummrigen Kerzenlicht müde und bequem werde, vernachlässige ich das Schreiben und verwerte stattdessen eine Rezension wieder, die zu einer Zeit entstand, in der mein Blog kaum Leser hatte und somit beinahe unbemerkt vor sich hin vegetierte. Das mag für einen Großteil meiner damaligen Schriften nicht weiter tragisch sein – doch das hier besprochene Buch, das 2009 für die Longlist des Deutschen Buchpreises nominiert wurde, hat alle Aufmerksamkeit verdient. Sollte euch also noch ein Weihnachtsgeschenk fehlen (für eure Liebsten oder euch selbst), greift zu diesem großen Roman, seit Juni gibt es ihn auch im Taschenbuchformat. Ich wünsche euch entspannte Festtage.
Der Mann schläft. In all seiner Einfachheit fasst dieser Titel zusammen, was für die Erzählerin Liebe bedeutet: eine «ruhige und stille» Liebe, weit weg von jeder Einmaligkeit und jeder Aufregung. Weit weg von dem, «was uns französische Filme zeigten, Begierde, nächtelange Diskussionen über Gefühle, um die Leidenschaft wieder zu beleben, Geschlechtsverkehr unter regennassen Laternen, viel, viel Leiden und am Ende schweigendes Sitzen in einer französischen Küche, dann steht einer auf und geht, ohne die Tür zu schließen». Ihre Leidenschaft hat nichts Körperliches inne, sie besteht in dem Wunsch, den Mann zu beschützen: ihn atmen zu hören und zu beobachten, während er schläft. Den Rest des Beitrags lesen »

Jacques Austerlitz, Protagonist des gleichnamigen Romans von W. G. Sebald, ist ein Reisender, ein Beobachtender, ein Suchender, dem der namenlose Ich-Erzähler zum ersten Mal 1967 im Antwerpener Bahnhof begegnet, in einem Wartesaal mit dem ebenso wohlklingenden wie aussagekräftigen Namen Salle des pas perdus. Von da an treffen sie sich immer wieder, meist zufällig, an Orten des Wartens, in Bahnhöfen und Cafés. Nie reden sie über sich, nie über die Zufälligkeit ihrer Treffen, vielmehr referiert Austerlitz in stundenlangen Monologen über «baugeschichtliche Dinge», über Konstanten in der Geschichte der Architektur, über die Deutung und Bedeutung von architektonischen Formen. Erst dreißig Jahre nach ihrer ersten Begegnung erzählt Austerlitz von sich, von seiner Geschichte: der Geschichte einer Suche nach der eigenen Vergangenheit. Den Rest des Beitrags lesen »

Sally und Alfred sind in ihren Fünfzigern, sie eine dynamische und noch recht attraktive Lehrerin, er ein träger, behäbiger Museumskurator, der seinen Stützstrumpf nicht so sehr wegen der hervortretenden Krampfadern trägt, sondern weil er sich damit offenbar etwas sicherer, weniger verwundbar fühlt angesichts der Herausforderungen des Alltags. Da ist zum Beispiel der Einbruch in ihr Wiener Vorstadthaus, während Sally und Alfred im Urlaub sind. Vor allem die Verwüstung und Beschmutzung seiner umfassenden Sammlung von Schallplatten und Tagebüchern, die er in einer antiken Truhe aufbewahrt, stellt einen Eingriff in die Privatsphäre dar, den Alfred über Wochen und Monate hinweg nicht verwinden kann. Den Rest des Beitrags lesen »

Inspiriert von einem wahren Fall, der sich 2005 in Kent, England ereignete, erzählt Paola Capriolo in ihrem Roman Der stumme Pianist von einem jungen Mann, der eines Tages von der Krankenschwester Nadine am Strand gefunden und in die psychiatrische Klinik gebracht wird, in der Nadine erst seit Kurzem angestellt ist. Der Mann spricht nicht und hat kein Dokument bei sich, er trägt nichts an seinem Körper, das auf seine Identität hinweisen könnte: Es ist, als wäre sogar von seiner Kleidung – einem Frack und einem Paar Schuhe – sorgfältig jede Spur entfernt worden, die auch nur seine Nationalität verraten könnte. Weil er offenbar stumm ist, erhält er Papier und Stift, um sich auszudrücken, doch auf die Fragen der Ärzte gibt er keine Antworten: Er zeichnet ein Klavier, nichts anderes. Den Rest des Beitrags lesen »
Wer meinem Blog schon länger folgt, weiß, dass ich öfter mal das Layout über den Haufen werfe und nach Neuem suche. Genau genommen habe ich das Gefühl, ich befasse mich mit dem ästhetischen Aspekt des Bloggens mehr als mit dem Schreiben. Das prangere ich natürlich an, aber mein innerer Schweinehund lässt sich zu bestimmten Sachen eher überreden als zu anderen, und für das Basteln kann er sich offenbar begeistern. Zwar bin ich mir im Klaren darüber, dass ich mit großer Wahrscheinlichkeit auch dieses Layouts allzu schnell überdrüssig werde, dennoch hege ich die törichte Hoffnung, dass dies nun das letzte Restyling für eine längere Weile sein wird, da so eine Aktion ja doch immer viel wertvolle Arbeitszeit beansprucht, in der man stattdessen eifrig lesen und schreiben könnte. Mein Fotoblog stadt/landschaften erlitt übrigens dasselbe Schicksal. Den Rest des Beitrags lesen »